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Was Heimat ausmacht • Unterwegs in Kulmbach

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Für viele ist Heimat ein Gefühl. Aber was fühlt man eigentlich, wenn man „Heimat“ sagt? Ist es die Sprache? Ist es die Familie? Sind es Freunde, Traditionen, ein ganz bestimmter Geschmack? Oder ist es ein Mix aus allem, der einen Ort zur Heimat macht? Wir fanden Antworten auf diese Fragen in Kulmbach.

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An der Nähmaschine verbindet der syrische Schneider Rakan Ali verschiedene Stoffe miteinandern.

Nun versucht er sich und seine Familie mit ihrer neuen Heimat Kulmbach zu verbinden.

Ob das nahtlos gelingt, weiß auch er nicht.

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Heimat verändert sich. Früher gingen viele Kulmbacher auf dem Weg zur Schule am Gebäude der "Ersten Kulmbacher Aktienbrauerei" vorbei. Nachfolgende Generationen laufen den selben Weg über den Zentralparkplatz. Ihm ist der Brauereikomplex gewichen. Historische und aktuelle Fotos zeigen, wie sich ein wichtiger Platz der Kulmbacher Innenstadt in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat und gerade wieder verändert. Für jede Generation der Kulmbacher hat das Gebiet der Stadt ihre Heimat geprägt.

Über den Button unten links könnt ihr von der Vergangenheit in die Zukunft wechseln.

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Um 1890: Als der erste Plan des Brauereigebäudes gezeichnet wird, ist das Deutsche Reich noch keine 30 Jahre alt. Auch Kulmbach profitiert wirtschaftlich von der Reichsgründung. Bereits 1846 bekommt die Stadt einen Anschluss an das bayerische Eisenbahnnetz. Das wichtigste Erzeugnis der Stadt - das Bier - kann nun einfacher exportiert werden. Die Anzahl der Brauereien wächst bis 1882 auf 26.

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Quietschend springt der Dieselmotor des Krans an. Ratternd füllt das Aggregat die Luft mit einem süßlich-herben Duft. Dünne, mit einer rostfarbenen Patina überzogene Stangen liegen vor dem Kran auf dem Boden - wie ein Haufen verschütteter Spagetti. Was sie von Nudeln unterscheidet ist ihr Zweck. Sie sollen nicht weich werden, nicht nachgeben, sondern dem, was da entsteht, Halt geben. In Beton gegossen sollen sie künftig die neue Kulmbacher Tiefgarage stützen.

Der Kollege drückt den Knopf. Langsam heben sie ab, schweben über der Baustelle und nähern sich ihrem Bestimmungsort. Hier werden sie für die nächsten Jahrzehnte ein unsichtbarer Teil Kulmbachs.

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1872 erwirbt die Brauerei-Aktiengesellschaft das ehemalige zweite Kommunbrauhaus. Zwischen 1873 und 1875 bauen die Gesellschafter das Gebäude um und erweitern es. Die Besitzer vergrößern den Komplex - er wird zu einem innerstädtischen Quartier.

Ältere Gebäudeteile werden nach der Jahrhundertwende abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Die äußere Erscheinung der Kulmbacher Actien-Exportbier-Brauerei ändert sich beständig nahezu alle zehn Jahre.

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Die Hand umfasst einen gummierten Knauf. Es ist sein Zepter. Er nimmt auf dem schwarzen Sitz Platz. Der Sitz ist sein Thron. Das Zepter gibt ihm Macht. Sein Gewand ist orangefarben. Legt er es auf seine Schultern, müssen diese auch Verantwortung tragen. Sein Gewand gibt ihm das Recht auf den Thron.

Seine Hand bewegt sich nur wenige Zentimeter nach hinten, ganz unmerklich. Doch zeigt es seine Macht. Denn der Arm des Krans beginnt das 30 Kilogramm schwere Betonstück vom Boden aufzuheben. Mit einer weiteren Handbewegung legt er es einige Meter entfernt auf einen Haufen.   

Die Plassenburg könnte sein Herrschaftssitz sein. Bis der Bauarbeiter den Thron auf seinem Bagger verlässt, sein Zepter loslässt, sein Gewand ablegt und damit seine Macht abgibt.

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1970: Der Blick auf die Plassenburg wird frei. Der Abriss des Brauereikomplexes der Ersten Kulmbacher Aktienbrauerei beginnt. Die Belegschaft zieht in eine neue Produktionsstätte am Rande der Stadt.

Die Heimat der Kulmbacher verliert ein prägendes Gebäude der Innenstadt. Der Stadtrat entscheidet, der Heimat dafür einen neuen Platz zu schenken.

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Der orangene Lack glänzt. Zwei schwarze Streifen überziehen das Gefährt vom Kühlergrill bis zum Auspuff. So wirkt es sportlich – selbst wenn es parkt. Damit das so bleibt, ist Augenmaß gefragt. Die Straße quer über die Baustelle ist durch Betonmauern begrenzt. Hoch sind sie nicht, aber unnachgiebig. Auf Höhe der Räder enden sie, ziehen aber diese in Mitleidenschaft, wenn sich Fahrzeug und Begrenzung ungewollt begegnen. Die Passage kann zum Leidensweg für Fahrzeug und Fahrer werden.

Doch wer die Sportlichkeit seines Gefährts wie ein Wappen auf der Karosserie tragen möchte, der muss auch so fahren: Immer etwas schnittiger als die anderen. Da scheint das Vabanquespiel in dem engen Betonkanal  angemessen.

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1974 zieht das Kulmbacher Bierfest vom Marktplatz auf seine heutige Heimat, den Zentralparkplatz, um. Ein Jahr zuvor werden die Fundamente für die Holzbalken des Maizeltes gelegt. Zweitausend Gästen bietet es Platz. Damit diese sicher und vor schlechten Wetter geschützt ihr Bier trinken können, muss die Holzkonstruktion fest im Boden verankert sein.

Doch der Luxus hat seinen Preis: 80 Pfennig kostet zu der Zeit eine Maß Bier. Der durchschnittliche Stundenlohn beträgt 60 Pfennig.

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Holzbretter stapeln sich unordentlich übereinander. Einige sind kurz und dick, andere lang und schmal. Die oberen überzieht ein brauner Lack, die unteren sind hell lasiert. Metallstreben liegen daneben, fein säuberlich geordnet im gleichen Anthrazitton.

Vier Meter weiter unten in der Grube zeigt sich an einigen Stellen der Betonboden der Tiefgarage. Künftig soll der Boden nicht mehr zu sehen sein. Dafür wird die Lücke mit Beton geschlossen. Die Holzbalken und Metallstützen werden die Betondecke während des Aushärtens halten.

Für die meisten wirkt die Baustelle wie ein ausgeschüttetes Puzzle. Der Bauleiter hat es in seinem Kopf bereits zusammengesetzt.

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Ende der 1970er: Der Platz im Herzen Kulmbachs hat nicht nur sein Erscheinungsbild, sondern auch seine Funktion geändert. Nur das Verwaltungsgebäude an der Ecke des Zentralparkplatzes lässt noch vermuten, wie der Platz einst genutzt wurde. Die Kulmbacher Bierwoche zieht immer mehr Besucher an, das alte Festzelt wird zu klein.

Ein Ersatz muss her - ein eigens angefertigter Bierstadel wird auf dem Zentralparkplatz errichtet.

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Wasser steht auf dem Betonboden der Tiefgarage. Es fließt über den noch unebenen Belag hinweg und sammelt sich in den kleineren und größeren Vertiefungen.  Künftig sollen die Besucher jedoch mit trockenen Sohlen durch die Tiefgarage gehen.

Mit nassen Schuhen nähert sich ein Bauarbeiter und setzt er seinen Bohrhammer an. Der Bohrkopf beginnt zu rotieren. Er dreht sich dabei so schnell um sich selbst, dass die ansonsten klar erkennbaren Rillen darauf verschwimmen, bevor er sich in den Beton bohrt. Jeden Millimeter, den der Bohrkopf tiefer in die harte Masse zurücklegt, muss er sich erarbeiten. Die Kraft erzeugt Druckwellen, die bis in den Gehörgang vibrieren. Dort zeigt sich die Kraft als schriller Ton, dem  man sich nicht länger als nötig aussetzen möchte.

Doch so abprupt wie es sich ausgebreitet hat, endet das Geräusch. Der Arbeiter hebt den Bohrhammer an und zieht ihn hoch. Er wird die Tiefgarage noch oft mit seinem Arbeitsgerätes beschallen, bevor der Abfluss im Betonboden fertig ist.    

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1975: Die Stadt wächst, mehr und mehr Menschen leben in Kulmbach. Auch Touristen entdecken den Frankenwald und die Bierstadt. Der Zentralparkplatz bietet zu wenig Raum für die steigende Zahl an Autofahrern. Wieder fahren Bagger vor, der Bierstadel muss weichen.

Die Bauarbeiter reißen ein tiefes Loch in den Zentralparkplatz. Die erste Tiefgarage in Kulmbach entsteht.

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Der Blick ist frei. Nur zwei schmale Eisenstäbe stehen zwischen der Kulmbacher Innenstandt und der Baustelle. Man könnte einfach an ihnen vorbeigehen, wenn sich daran nicht an beiden Seiten hunderte weitere schmale Metallstäbe anschließen würden. Zusammen bilden sie den Bauzaun, der die Baustelle  von den umliegenden Straßen abtrennt .

Innerhalb des Zauns gelten anderen Regeln: Helm und Warnweste sind Pflicht. Von dieser Vorschrift sind die vorbeigehenden Passanten befreit. Sie können dem Treiben auf dem Zentralparkplatz zusehen. Dafür haben die Bauarbeiter ein Privileg: das Recht, die Heimat der Kulmbacher zu gestalten.

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1976: Bereits ein Jahr später ist von den neuen unterirdischen Parkplätzen nichts mehr zu sehen. Dafür verändert sich erneut die Oberfläche. Ältere Häuser am Rande des Zentralparkplatzes werden abgerissen. An ihrer Stellen mauern die Bauarbeiter mehrstöckige Gebäude auf.

Cafés, Geschäfte und Boutiquen ziehen in die  Erdgeschosse der Neubauten ein. Urbaner Flair belebt den Platz. 

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2015: So kennen die Kulmbacher ihren Zentralparkplatz. Vierzig Jahre hat er sein Gesicht behalten. Die meiste Zeit des Jahres ist er ein Platz für Autos. Wenige Tage im Jahr wandelt er sich zum Festplatz. Eingerahmt von Geschäften, Wohnhäusern, Boutiquen, Restaurants und einer Veranstaltungshalle ist der Zentralparkplatz das Zentrum Kulmbachs.

Er bestimmt das Erscheinungsbild der Bierstadt. Doch er muss mit der Zeit gehen. Nun steht die nächste Veränderung an. 

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Ob sich der Wandel einmal auszahlt, wird sich zeigen. Zuerst muss die Stadt einzahlen: 13,5 Millionen Euro - so viel kostet die Umgestaltung des Zentralparkplatzes und die Renovierung der Tiefgarage. Ein so großes Wandel benötigt Zeit. Wie geplant werden die Bauarbeiten nicht beendet sein.

Erst 2018 wird der Zentralparkplatz sein neues Gesicht zeigen. So könnte er für die nächsten 40 Jahre die Heimat der Kulmbacher prägen. 

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Unterscheidet sich das Heimatsbild von jung und alt?
Was Heimat für sie bedeutet, haben wir sieben Kulmbacher verschiedener Generationen gefragt.


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Kann man als junger Mensch in Oberfranken gerne alt werden oder nur noch Reißaus nehmen?
Wie fühlen sich junge Leute, die mit Smartphone, Globalisierung und Unabhängigkeit aufwachsen, in dieser beschaulichen Welt, die für machen zur kleingeistigen, konservativen Enge wird?

Ist der Begriff Heimat noch modern oder längst überholt?

Für Weltenbummler und Patrioten haben wir Stellung bezogen.





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Menschen, die das Glück haben, Metropolen wie München, Hamburg oder Berlin ihre Heimat nennen zu dürfen, beneide ich. In Großstädten wie diesen unterliegt man einer wohltuenden Grundanonymität, findet Gleichgesinnte mit ähnlichen Wertvorstellungen und Weltanschauungen und Menschen jenseits des Mainstreams. Man kann sich von verschiedenen Lifestyles inspirieren lassen, erhält Einblicke in eine Vielzahl fremder Kulturen und kann sich so allmählich zu einem empathischen, eigenständigen, sozialen, selbstbewussten und liberal denkenden Individuum mit erweitertem Horizont entwickeln.

Im konservativen Norden Bayerns scheint dieses Konzept von Bratwürsten, Blasmusik und Bier verdrängt. Sie sind für den Durchschnitts-Oberfranken das magische Trio. Ich bin in Oberfranken geboren und muss sagen, dass ich es nicht gerne als meine Heimat bezeichne. Ich möchte nicht behaupten, dass es der schlechteste Ort ist, um aufzuwachsen. Aber ich kann und möchte mich mit dem eingeschränkten Horizont, der engstirnigen Weltanschauung und dem sturen Beharren auf aus meiner Sicht längst veralteten Traditionen im konservativen Oberfranke schlichtweg nicht identifizieren. 

Hier zerfetzt man sich das Maul über den möglicherweise homosexuellen Pfarrer, die Affäre meines Nachbarn oder den hedonistische Lebensstil einer Klassenkameradin. Die Leichen im eigenen Keller werden hingegen vertuscht. Ob Merkels Flüchtlingspolitik oder der Beschluss zur Ehe für alle. In meiner Heimatstadt für viele ein Skandal. Sie nennen sich traditionell denkend und wertebewusst. Ich nenne sie egoistische Ignoranten, die mit ihrer patriotischen Ignoranz nostalgisch das Heute verschlafen haben. Sie beharren auf ihren mit Staub bedeckten Scheuklappen und machen meine Heimat zu einem Ort, an dem ich mich nicht heimisch fühle.  

Natürlich ist mir bewusst, dass die vielen, kleinen oberfränkischen Dörfer und Städtchen auch ein Inbegriff von Vertrautheit, Sicherheit und Geborgenheit sein können. Man grüßt sich auf der Straße und kennt den Großcousin der Arbeitskollegin vom Onkel. Trotzdem möchte ich für keinen Preis die Vielfalt fremder Orte, die Abenteuer neuer Heimaten und das Knüpfen unendlich vieler Kontakte mit neuen Gesichtern missen.  

Die Menschen, die ihr ganzes Leben nie raus gekommen sind, argumentieren damit, dass es zu hause ja sowieso am schönsten sei. Das ist aus meiner Sicht die Standardausrede für unerfüllte Träume, die Rechtfertigung für einen tristen Alltag und letztendlich die Quittung dafür, der Heimat ein Leben lang treu geblieben zu sein.  

In meiner Heimat habe ich das Gefühl, die Welt zu verpassen. Nach einem Wochenende fühle ich mich von der dort vorherrschenden, beschränkten Denke verblödet und von der tristen Monotonie erstickt. Ich fühle mich von den so traditionsbewussten Oberfranken in eine Schublade gesteckt, die zu klein für mich ist.

(Foto: Pixabay / lechenie-narkomanii)

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Viele alte Menschen, aussterbende Dörfer, nach Gülle stinkende Felder – das ist Oberfranken, meine Heimat. Der örtliche Fußballverein und die Freiwillige Feuerwehr bestimmen den Alltag. Oberfranken ist langweiliges Landleben. Deswegen suchen viele in der fränkischen Idylle Aufgewachsene einen neuen Ort, an dem sie sich „heimisch“ fühlen wollen. Meist gelingt das nicht. Denn Heimat lässt sich nicht ersetzen.

Ich bin gerne Oberfranke. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Meine Heimat hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich reise gerne, lerne neue Menschen und Orte kennen. Ich freue ich mich aber auch wieder auf die Personen und Plätze, die mich schon seit meiner Kindheit begleiten. Ich bin hier zur Schule gegangen. Hier habe ich Freunde gefunden. Freunde, die sie sich ebenfalls entschieden haben, ihrer Heimat treu zu bleiben. Ich muss kein Flugticket buchen, an keinem Bahngleis warten, in keinem Stau stehen, um meine Freunde zu treffen.

Facebook, Instagram, Snapchat bringen uns die Metropolen näher: #münchen #frankfurt #berlin. Dort ist jeden Tag etwas anderes los. Dort leben Millionen Menschen. Dort muss man sein. Dort kennt man aber auch niemanden. Dort ist man nur schmückendes Beiwerk für Tagesschauberichte, wenn Entscheidungen über die Köpfe der dort lebenden Menschen getroffen werden. Dort arbeiten hunderte Menschen für ihren Chef aus der 53. Etage ohne ihm je „Hallo“ gesagt zu haben. Dort sagen die Menschen Sachen wie „Dit glob ick nüscht.“ Dort ist nicht meine Heimat.

Meine Heimat ist hier. Hier sagen meine Freunde „Red fei ka Gschmarr“, wenn ihnen etwas nicht passt. Hier sage ich „Grüß Gott“, wenn ich den Bürgermeister auf der Straße treffe. Hier sage ich ihm auch direkt, dass es sehr gefährlich ist, wenn Autos mit 70 Stundenkilometer durch den Ort fahren, auf Straßen, auf denen auch Kinder spielen. Hier bleibt der Bürgermeister stehen und hört sich meine Bedenken an. Hier kenne ich die Menschen, denen ich täglich begegne: #oberfranken #heimat #fei.

Ich bin gerne Oberfranke. Noch halten sich die Menschen, die die Anonymität der Großstadt der Vertrautheit ihrer Heimat vorziehen für besser als ihre Freunde, die geblieben sind. Vielleicht wissen sie ihre Heimat eines Tages wieder zu schätzen. Dann treffe ich sie wieder. Dann kommen sie zurück von den Orten, an denen sie sich doch nie wirklich „heimisch“ gefühlt haben. Sie kommen zurück in ihre Heimat.     

(Foto: Pixabay / markusspiske)

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Der Geruch nach frittierten Pommes und Würstchen durchdringt die Luft. Eine wohlig warme Wolke aus dem Bratwursthäuschen breitet sich auf den Marktplatz aus. Die Bratwürste auf dem Rost brutzeln. Einige sind noch glitschig und rosa. Andere sind schon goldbraun und fertig für den Verkauf. Am Stand tummeln sich viele Menschen von jung bis alt. Die Hände eines Kunden gleiten ungeduldig über den Holztresen, ein dumpfes Quietschen ertönt. Als er endlich bestellen darf, begrüßt ihn ein großer Mann mit freundlichen Augen: „Bitteschön, was darf‘s denn sein?“. „A Broadworscht im Weckla bitte“.

Stefan Batistellas Würste gibt‘s am Marktplatz und am Ende der Langgasse. Seit vielen Jahrzehnten halten ihm die Kulmbacher die Treue. Doch was ist das Geheimnis hinter seiner Bratwurst? Stefan Batistella scheint die Antwort zu kennen. „Es beginnt schon bei der Herstellung. Die Kulmbacher Bratwurst ist sehr fein, nicht so grob wie die Nürnberger. Und - das ist das Besondere - sie sind nicht vorgebrüht.“ Bei anderen macht man das, damit sie länger haltbar sind. Die Kulmbacher Bratwürste kommen dagegen morgens direkt vom Metzger zum Röster und dann auf den Grill. „Diese Frische macht den Geschmack aus. Auch das Brötchen - das Weckla - spielt eine wichtige Rolle. Es wird in dieser Form exklusiv für uns gebacken.“

Stefan Batistella ist Bratwurstverkäufer in der dritten Generation. Seine Großmutter begann bereits vor gut sechzig Jahren, zunächst mit ganz einfachen Mittel, mit dem Brautwurstbraten: „Mit Sonnenschirm und einem Grillrost“, erzählt Batistella. Schon damals ließen sich die Kulmbacher die Bratwürste auf dem Markt schmecken – und halten Stefan Batistella bis heute die Treue.

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Mehmet Karacan ist Lebensmittelhändler. Geboren und aufgewachsen ist er in Erzincan, einer kleinen Stadt im Osten der Türkei. Diese nennt er bis heute seine Heimat. Heimat ist für ihn aber auch der Ort, an dem seine Familie lebt. Und dieser Ort ist Franken.

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Seine Kinder und seine Frau waren es, die ihm ein neues Stück Heimat in der Fremde gegeben haben. Mit ihnen konnte er in seiner Landessprache reden, türkische Spezialitäten kochen und in der Moschee beten.

In die Türkei möchte Mehmet Karacan nicht mehr zurück. Er ist im Alltag in seiner neuen, zweiten Heimat Kulmbach angekommen. Seine Kinder sind in Deuschland geboren und fühlen sich mehr mit ihrem Geburtsland als mit der Türkei verbunden. Früher halfen sie ihm im Laden. Inzwischen gehen sie eigene Wege.

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Mehmet Karacan ist gut integriert in Kulmbach. Viele Deutsche Kunden kaufen täglich frisches Obst und Gemnüse in seinem Laden. Aber auch die türkischen und arabischen Bürger schätzen es, dass er Waren aus ihrer Heimat in seinen Regalen hat.

Ein Stück Türkei nach Kulmbach zu bringen, hat er sich zur Aufgabe gemacht. Neben seiner Familie bestimmt vor allem diese Aufgabe den Alltag des Einzelhändlers.  

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Trotz der vielen Arbeit lebt Mehmet Karacan gerne in Kulmbach. Er hat durch sein Lebensmittelgeschäft viele Kulmbacher kenengelernt. Einige davon sind zu seinen Freunden geworden. 

Zwei Jahre will er sich in seinem Laden noch hinter die Kasse stellen. Dann muss er schließen. Seine Kinder möchten das Geschäft nicht weiterführen. Sie wollen studieren, in Großstädte ziehen.

Mehmet Karcan ist froh darüber. Noch mehr freut er sich, wenn sie ihn besuchen. Dann fühlt er sich hier noch ein Stückchen heimischer.

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Die Familie De Pellegrin produziert seit 1929 Eis. In den 1960er Jahren verließen die De Pellegrins ihre italienische Heimat und kamen über Umwege nach Kulmbach. Im Gepäck hatten sie nicht nur ihre Eismaschinen. Sie brachten auch die italienische Lebensart mit nach Oberfranken. Für viele Kulmbacher ist das „Sanremo“ ein Inbegriff für Dolce Vita.

Augusto de Pellegrin führt die Manufaktur heute in der vierten Generation. Für ihn ist Kulmbach inzwischen eine zweite Heimat geworden. Wir haben ihn in seinem Café besucht.

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Bei „Gschmarri“, „Badscherlan“ oder „Buddlasbaa“ versteht ihr nur Bahnhof? Dann geht es euch wahrscheinlich wie vielen anderen, die in Oberfranken auf der Durchreise sind.

Selbst für manchen Bayern südlich des Weißwurstäquators stellt der Frankendialekt eine Herausforderung dar. Der Norddeutsche denkt möglicherweise sogar an eine neue Fremdsprache.

Damit ihr euch mit den Kulmbachern versteht und ohne Kulturschock abreist, haben wir den Minisprachkurs „Fränggisch-Deutsch“ für euch aufgelegt.

Fil Schboß!

(Foto: Pixabay / walteresch)

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Abbord - Toilette
Baazi - Lump        
Babbm - Mund
Badscherla - Kinderhände
Bäiderla - Petersilie
Bimberlaswichdi - Wichtigtuerei
Bladdn - Glatze
Blembl - abgestandenes Bier
Bliedschn - Heulsuse
a Brodworschd - eine Bratwurst
zwa Brodwärschd - ein Paar Bratwürste
Buddlasbaa - Hähnchenschenkel
derbreezd - erschöpft
Doldi (m.), Dolln (w.) - Dummkopf
Dreggschleidern - Tratschtante
ezderla - jetzt
Fäänla - schlecht verarbeitetes Kleid
fei - Mittel zur Verstärkung eines Sachverhaltes
Fleischkäichla - Frikadelle
a drum Fodzn - Prügel
Gimbl - Blödmann
Graffl   -  Ansammlung sinnloser/defekter Gegenstände
Graudschdampfer
- dicke Beine
Grischberla - (sehr) dünne Person
gscheid - präzise, sehr, mit Verstand
Gschlamb - unsaubere Arbeit/Saustall
Gschmarri  - unsinniges Gerede Gschwaddl Gesindel
Halt die Babbm. - Halt den Mund.
Hundsfodzn - Kleinigkeit
Kuddenbrunzer - abfällige Bezeichnung für Mönch
Ladschkabbm - fauler Mensch
Maadlasgoggerer - Mann mit großem Flirtinteresse
muggsmeislaschdill - mucksmäuschenstill
Närmbärcher Gwärch -Wurstsalat
Oard - Art
Razzerfumml - Radiergummi
Schbilzeich - Spielzeug
Schdeggerlasbaaner - dürre Beine
schdeggsderlängs - kerzengerade
Schdreidhansel - streitlustiger Mensch
Schnalln - Tussi
Schnorrnwasdl - Schnurrbartträger
Seidla - halber Liter
Waadschn - Ohrfeige
Waadschnbam - mehrere Ohrfeigen in Folge
Waafer - Dampfplauderer
Weggla - Brötchen
worschd - egal
Ziewerla - Küken
Zingn -  auffällige Nase 

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• Der hod heid ganz schee neigleicht.




• Vo wos hobters n grod?

 

• Ned gschimbfd is globd genuch.
 


Der hod an gwaldichn Badscher.

 

• Do is die Katz gfreggd.
 
           

• Do hast fei ganz schee Duusl ghabt. 

        

• A brigl Hitz is des heid.              

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Hermann Müller ist in Kulmbach aufgewachsen. Er kennt die Stadt so gut wie kein anderer. Mit Geschichte beschäftigt er sich schon sein Leben lang.

Heute führt er Touristen durch die Kulmbacher Altstadt und Historie. Er war in der Akademie für Neue Medien zu Gast im Studio und hat mit uns über sein Heimatsbild, alte Sagen und sein Hobby gesprochen.

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Du bist in Zell im Fichtelgebirge geboren und aufgewachsen. Was bedeutet dieser Ort heute für dich? 

Zell ist mein Zuhause. Ich komme jedes Wochenende gerne in meine alte Heimat zurück. Dort wohnt meine Familie und dort kann ich vom Alltagsstress abschalten. Wenn es mit nicht gut geht, weiß ich, hier kann ich immer herkommen. Es ist also nicht nur Heimat, sondern auch ein Zufluchtsort.

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Wie schwer fiel es dir, deine Heimat zu verlassen?

Das war nicht leicht für mich. Ich habe mich schlichtweg noch nicht dazu bereit gefühlt. Aber natürlich wusste ich, dass ich mich früher oder später von zuhause abkapseln muss. Bevor ich nach Kulmbach kam, war ich eher schüchtern und introvertiert. Der Umzug war ein Sprung ins kalte Wasser.

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Deine Schule bietet auch einen Standort in Nürnberg und München an. Weshalb hast du dich trotzdem für Kulmbach entschieden?

Kulmbach liegt einfach am nächsten an Zell, das war mir wichtig. Ich wusste, dass ich von Daheim ausziehen muss für die Ausbildung. Mir war es wichtig, dass ich mich an einem neuen Ort schnell zurecht finde und Leute kennenlerne. In einer Großstadt habe ich mir das nicht vorstellen können. Hier in Kulmbach ist das Miteinander in der Schule durch die kleinen Klassen und das Kleinstadtflair sehr familiär. Das habe ich zu schätzen gelernt.

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Kannst du dir vorstellen, nach deinem Examen in Kulmbach zu bleiben?

Nach dem Examen möchte ich dann doch in einer Großstadt leben. Ich konnte mich hier innerhalb weniger Monate enorm weiterentwickeln, ich bin nicht mehr so schüchtern und gehe viel offener auf Menschen zu. In einer größeren Stadt möchte ich noch mehr wachsen und zu mir selbst finden. Nach dem Abschluss habe ich beruflich viele Möglichkeiten. Aber seitdem ich denken kann, ist es mein größter Traum, nach Schweden auszuwandern.

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Inwiefern verändert sich deiner Meinung nach der Begriff Heimat im Zeitalter von digitalen Medien, Mobilität und Vernetzung?  

Heimat bleibt Heimat. Natürlich kann man sich auch an anderen Orten wohl fühlen. Heimat ist nicht zwingend an einen Ort gebunden. Aber das Gefühl, das man beim Heimkommen in den Ort erlebt, an dem man groß geworden ist, ist unverwechselbar.

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Wie war dein erster Eindruck von Kulmbach?

Wenn man vom Dorf kommt ist es natürlich erst einmal cool, in eine Stadt zu ziehen. Obwohl Kulmbach eher beschaulich ist, war ich nach meinem Umzug von den vielen Menschen und den lokalen Einkaufsmöglichkeiten begeistert. Heute sind es die Leute, die ich mittlerweile zu meinen Freunden zählen kann, die mich an Kulmbach binden.

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Ist Kulmbach mittlerweile zu deiner Heimat geworden?
 
Jein. Auf der einen Seite habe ich immer ein wenig Heimweh und freue mich die Woche über auf zuhause. Auf der anderen Seite habe ich durch den Umzug nach Kulmbach viele neue Menschen kennengelernt, manche sind Freunde geworden. Ich wohne hier im Schwesternwohnheim. Das ist wie eine große Wohngemeinschaft und macht Kulmbach für mich heimisch.

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